Verkehrter Verkehr
Eigentlich ist die Sache doch ganz einfach. Die Briten fahren links. Demonstrativ, schon immer und für alle Rechtsfahrer gilt: "You are not driving on the right side of the road, you are driving on the wrong side of the road". Wenn man sich mit dieser merkwürdigen Sitte aber mal näher auseinander setzen muß, treten doch ungeahnte Probleme auf. Es ist nicht nur einfach so, daß die Autos links fahren. Alles, was mit dem Verkehr zusammenhängt muß auch links denken.Als ich zum ersten Mal mit dem Bus vom Guesthouse in die Innenstadt fahren wollte, stellte ich mich an die Straße und wartete 10 Minuten. Beim Eintreffen des Busses bemerkte ich, dass er in die falsche Richtung fuhr. Klar, ich hatte mich an die in Deutschland übliche Seite der Straße gestellt und nicht links gedacht. Also husch rüber auf die andere Straßenseite und nochmal 10 Minuten warten. Beim Umzug vom Guesthouse in meine Wohnung schaute mich der Taxifahrer etwas überrascht an, als ich auf der Fahrerseite seines Autos einsteigen wollte. Argh, schon wieder nicht links gedacht.
Zum Glück denkt die Stadtverwaltung von London an die europäischen, nicht-linken Touristen und hat am Flughafen und an wichtigen Orten in der Stadt eindeutige Hinweise auf die Fußgänger-Straßenquerungen gemalt: "Look right". Wenn man die ersten 24 Jahre seines Lebens beim Überqueren einer Straße immer zuerst nach links geschaut hat, ist das auch wirklich ein guter Tipp. Gefährlicherweise zu ganzen Dilemma kommt noch eine typisch britische Angewohnheit hinzu: Fußgängerampeln werden aus Prinzip nicht bei grün überquert, sondern dann, wenn gerade kein Auto kommt (oder eine entsprechend große Meute gemeinsam geht und die Autos zum Bremsen bewegt). Nach ein paar Wochen übernimmt man das natürlich, und wenn man dann in die falsche Richtung schaut, ist es natürlich fatal. Drei mal wäre ich deswegen beinahe schon vor ein Auto gelaufen. Einmal wollte ich einem Hindernis auf dem Gehweg ausweichen und trat kurz auf die Straße, von vorne sah ich ja kein Auto kommen. Dummerweise kam von hinten ein Bus ("LINKS denken!!!") und hätte mich beinahe erwischt.
Im Fußgängerbereich ist man sich hier scheinbar etwas unsicher was den Linksverkehr angeht. Mögen in den manchmal engen Tunnel der Tube auch Schilder mit "Keep left" (links halten) hängen, so laufen die Rolltreppen in den meisten U-Bahn-Stationen doch im Rechtsverkehr. Nach einem "Keep left"-Gang rennt man sich vor der nächsten Rolltreppe beim Seitenwechsel also regelmäßig über den Haufen.
Mittlerweile bin ich vom links-denken schon so verwirrt, daß ich zu Sicherheit lieber in beide Richtungen schaue. Hoffentlich werde ich zu Hause je wieder zu meiner normalen Sichtweise der Dinge zurückkehren können. Aber nein, die nächste Linksfahrer-Nation wartet ja schon: In Australien wird als Erbe der britischen Kultur natürlich auch links gefahren. Im September werden Eva und ich dann versuchen, dort mit einem Mietwagen aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen und links zu denken. Das kann ja heiter werden.
Neben England und Australien haben weltweit übrigens 56 weitere Länder Linksverkehr. Darunter Japan, Indien und Südafrika. Und es schaut schlecht aus, die meisten Versuche zur Bekehrung sind bislang fehlgeschlagen. So besetzten die Argentinier 1982 die britischen Falklandinseln und führten dort den Rechtsverkehr ein - und wurden zwei Monate später von den linksfahrenden Briten wieder vertrieben.

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