Freitag, März 31, 2006

Indien in Slough

Die warmen Würstchen zum englischen Frühstück habe ich heute morgen erstmal dankend abgelehnt - man sollte sich ja auch nicht zu schnell in fremde Kulturen vertiefen. Danach bin ich los zur ersten WG-Wohnungsbesichtigung des Tages, ein voller Erfolg. Das Haus liegt in einem netten Neubaugebiet. Es gibt eine gemeinsame Küche im Erdgeschoss, danach folgen zwei Etagen mit Zimmern und oben ein etwas größeres Zimmer mit eigenem Bad. In den geforderten 580 Pfund pro Monat sind alle Nebenkosten inklusive, sogar die Nutzung des WLAN und landesweite Telefonkosten. Zudem ist das vorhandene Bett ein Doppelbett, also bestens für den Besuch von Eva in einem Monat geeignet. Nur meine potentiellen Mitbewohner habe ich leider nicht gesehen, die waren alle noch auf derArbeit. Das Aufräumen der Küche hatten sie am morgen aber scheinbar auf später verschoben. Alles in allem gefiehl mir das Zimmer trotzdem sehr gut. Da habe ich dann gleich zugeschlagen und es schonmal freihalten lassen.

Die Zeit bis zum Abend verbrachte ich dann mit der Suche nach einem WLAN-Accesspoint. In einem netten Pub wurde ich nach viele Umwegen endlich fündig und konnte mal wieder mit der Außenwelt kommunizieren, meine Mails checken und meine Finanzen regeln.

Nach der beinahe schon gefällten Entscheidung hatte ich eigentlich nicht mehr so wirklich Lust auf die zweite Besichtigung des Tages. Das angebotene WG-Zimmer lag etwas außerhalb der Stadt. Bei der Adresse hätte ich eigentlich schon mißtrauisch werden sollen: "Wir haben keine Hausnummer, heisst einfach nur Snitterfield Farm an der Grays Park Road" hatte der Vermieter vorher verlauten lassen. Meine Busfahrt nach Stoke wurde dann auch schon nach der Hälfte der Fahrt unerwartet beendet: Wider meines Erwartens fuhr der Bus gar nicht wirklich bis nach Stoke, sondern nur bis zur Stoke Road. Also durfte ich noch eine knappe halbe Stunde laufen. Von der Accesspoint-Suche schon recht fertig, hätte ich beinahe per Handy abgesagt - aber dann wäre mir etwas wirklich Gutes entgangen. Die Snitterfield Farm stellte sich als ein typisch englisches Landhaus mit grob gemauerter Außenwand heraus. Die Zimmer im benachbarten WG-Haus waren zwar geräumig, aber leider nicht so wirklich mein Geschmack. Eine Überraschung erlebte ich dann aber im Landhaus selbst: Beim Übertreten der Türschwelle verließ ich innerhalb von Sekunden die englische Außenwelt der Fassade und tauchte in die Welt des indischen Vermieters ein. Die komplette Architektur im Inneren hätte aus einem Tempel abgekupfert sein können. Spitze Türbogen, bunte Wände mit orientalischen Mustern und schummriges Licht. In einem Nebenzimmer saß der graubärtige Vater des Vermieters mit dem Rest der Familie auf dicken Kissen auf dem Boden - wie dieser natürlich Stilecht mit Turban. Dazu hing der Currygeruch des Abendessens in der Luft. Wäre ich mit dem Auto in Slough und wären die zu vermietenden Zimmer im Landhaus selbst gewesen - ich glaube dann hätte ich sofort unterschrieben.

Donnerstag, März 30, 2006

Whats the word for schmuddelig?

Nach erfolgreicher Landung in Heathrow habe ich mich heute mittag durch die verworrenen Buspläne nach Slough durchgekämpft - und nebenbei noch die korrekte Aussprache der Stadt gelernt, in der ich die nächsten fünf Monate verbringe. Nach dem Umstieg am Busbahnhof bin ich dann leider eine Haltestelle zu früh ausgestiegen und durfte meine Koffer noch ein ganzes Stück über den hoppeligen Fussweg schleifen. Endlich im Guesthouse angekommen, konnte ich dann erfahren was der geneigte Brite für knapp 55 Euro die Nacht erwarten kann: Klein aber... naja, sagen wir: Es hat einen gewissen Charme. In einen kleinen Raum sind Bett, Tisch und Schrank gequetscht und mit meinen zwei Koffern auf dem Boden ist die Bewegungsfreiheit auch schon am Ende. Wenn ich die Eingangstür oder die Tür zum Bad öffnen möchte, muss ich immer irgendetwas umstellen. Die Eingangstür geht direkt zum auch als Frühstücksraum genutzten Flur und ich hoffe, dass meine Zimmernachbarn nicht so laut schnarchen. Nicht jedes Zimmer im Guesthouse hat Dusche und Toilette, also ist das bei mir sogar schon etwas Luxus. Aber natürlich immer in Relation gesehen: Auf der Ablage im Bad lag ein kleines Begrüßungsgeschenk in Form einer elektrischen Zahnbürste. Dem Aussehen nach wurde diese auch schon von den vorherigen Bewohnern dieses Zimmers gerne und oft genutzt.

Mittwoch, März 29, 2006

Don't panic!

Okay, dann wären wir also soweit: Die Koffer sind gepackt, der Flug gebucht und die Unterkunft für die ersten zwei Tage ist auch gesichert. Beim ersten Anlauf war der Koffer nur mit 18 kg gefüllt - das konnte ich als notorischer Vielpacker natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Selbst wenn ich zwei Wochen in den Urlaub fahre komme ich definitiv immer über die magische 20kg Grenze. Also habe ich flugs noch einen Haufen Klamotten eingepackt um mein Freigepäck voll auszunutzen. Das gipfelte allerdings darin, dass ich jetzt der Lufthansa wohl noch etwas Geld für mein nun vorhandenes Übergepäck zahlen muss. Knappe 24kg wiegt mein Koffer jetzt, beim Handgepäck sind es nochmal knapp neun. - Und nicht zu vergessen sei auch noch mein Notebook-Rucksack. Jetzt kann ich mir aber wenigstens beinahe sicher sein, kein essentielles Utensil vergessen zu haben.

Nachdem ich in der letzten Woche unzählige Vermieter und WG-Inhaber angeschrieben habe, sind nun für morgen und übermorgen schon einige Besichtigungen klargemacht. Zuerst schaue ich mir mal eine komplett eigene Wohnung an, am Tag darauf dann drei verschiedene WGs. Zwei davon bieten ein großes Zimmer mit einem eigenen Bad, definitiv meine Favoriten. Wenn alles klappt, habe ich also am Wochenende schon eine sichere Unterkunft und kann mir das Geld für weitere Nächte im AJ Lodge Guesthouse in Slough sparen.

Während ich in den letzten Tagen und Wochen immer noch erstaunlich ruhig war, bin ich jetzt doch schon ein wenig angespannt was die ersten Tage angeht. Durch die Suche nach potentiellem Wohnraum und dem Packen der Koffer hatte ich gar nicht mehr an das eigentliche Praktikum gedacht. - Dabei habe ich bisher immer noch keinen Vertrag in meinen Händen gehalten und werde den wohl auch erst nächste Woche unterzeichnen. Bleibt nur zu hoffen, dass es dann nicht heißt: "Wer zum Himmel ist dieser Mr. Filzhut da unten an der Pforte?"